Als die Hunde krähten und die Gockel bellten

Aus zwei wurden drei Tage in Bayamo und, obwohl wir noch nicht 100%ig fit waren, mussten wir unbedingt weiter. Die Hitze, die hohe Luftfeuchtigkeit und die Straßenverkäufer mit ihrer meditativen Marktschreierei machten uns irgendwie lethargisch und der Energieverlust durch unsere Magen-Darmgeschichten drückte uns noch mehr. Jetzt verstanden wir die Menschen besser, die wir oft bei unseren Fahrten durch die Gassen sahen, die lethargisch wirkend vor ihren Häusern am Gehsteig oder in ihrer kleinen Eingangsterrasse lagen (teilweise am Boden/Asphalt). Die Häuserfronten sind teilweise oder komplett mit einem Gitter versehen, die eine gute Durchlüftung bei einem gewissen Diebstahlschutz garantiert – „Für mich schauts aus wie Menschenkäfige“.

Dieses plötzliche Verständnis dafür machte uns Angst, ob uns die Stadt vielleicht assymiliert, dass wir auch irgendwo lethargisch in einer Gasse versauern…! Hallo, hier wäre so viel zu tun, steht auf und los geht’s – achja, hier gibt’s ja nichts! Nichts zum Bauen, das kostet doch alles soviel, das kann sich keiner leisten – obwohl ich hörte, dass das Baumaterial gratis zur Verfügung gestellt wird, man muss es halt selbst verarbeiten…!? Naja, zumindest unser CP Vermieter Reynaldo ist nicht lethargisch, voller Tatendrang baut er groß an seiner Casa und er war ein Genuss. Er redete mit Händen und Füßen (menos palabres – mas hestos) und half uns überall wo er konnte, zeigte uns wie man die grünen Bananen zubereitet, brachte mir Schafgarbe pur und machte mir damit einen Tee, der bei mir so eine Magenkolik auslöste, dass wir noch einen Tag länger blieben.

Von seiner Casa konnte man auf das Dach gehen, das wohl irgendwann eine Dachterrasse werden soll, und von dort hatte man eine gute Aussicht, vor allem auf die Nachbarhäuser und deren Hinterhöfe. Ui, was man da alles sieht – speziell die umliegenden, desolaten Häuser, wo irgendwie überall was begonnen, oder was Zerfallenes ausgebessert wird – aber nirgends wird gearbeitet – außer bei Reynaldo. Die meisten haben auch Hühner, Enten, oder auch Schweine, die im Hinterhof leben – gerade als ich die beobachte, schauen von einer halbfertigen, gemauerten Mauer zwei Hände raus, in einer Hand eine Machete und in der anderen Hand einen Knochen mit Fleisch – „I schätz des war ein Oberschenkel von einer Ziege!“ – und dieser wurde mit zwei Hieben auf der Mauer geteilt. Die Kubaner machen mit der Machete alles – schlagen das Holz, hacken den Dachstuhl zurecht, sensen das Gras, öffnen die Kokusnuss, hacken die Bananenfrüchte vom Bananenbaum, bearbeiten jegliches Obst damit, hacken damit ganze Zuckerrohrfelder um, bearbeiten das Fleisch, teilen die Knochen…- zumindest dies haben wir schon alles live gesehen und ich glaube nicht, dass die für jede Tätigkeit eine andere Machete haben, ein Schweizer Taschenmesser mit einer großen Klinge sozusagen. („I glaub bei einem richtigem Kubaner wird damit sogar die Nabelschnur getrennt!“)

Mit gemischten Gefühlen machten wir uns dann nach Mazanillo auf. Wir wussten ja nicht, ob wir das Schlimmste unserer Magen-Darm-Geschichte hinter uns haben und ob wir die Strapazen überhaupt ertragen – vor allem fahren wir immer weiter weg von medizinischer Versorgung. Die nächste Nacht verbrachten wir dann nach fast 100km irgendwo in einer kleinen Bananenallee auf einem Feld. Hier wurde uns so richtig klar, dass es in jedem Dorf und in jeder Stadt Hühner gibt – die Lebensmittel incl. Eier sind ja über das Lebensmittelbuch rationiert und so hält sich jeder Hühner, damit die unzureichende Eierration aufgebessert wird. Natürlich hat somit auch jedes Haus einen Gockel, der wie soll es auch anders sein, sein typisches Geschrei von sich gibt. So, jetzt kickerickiet der nicht nur um 6 Uhr in der Früh, wie wir es aus den Kinderbüchern kennen, sondern macht das den ganzen Tag und die ganze Nacht lang, immer wieder – zwei-drei Mal die Stunde. Wär ja nicht so schlimm, wenn da nicht jeder einen Gockel hätte und die sich gegenseitig motivieren zu kickerickiehen und es gibt so viele verschiedene Kickerickietöne, ich glaub wir kennen sie jetzt alle – nervig, vor allem in der Nacht. Was auf Kuba die Gockel bellen, kickerickiehen in Europa die Hunde – oder umgekehrt?

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